Inflation und Unsicherheit: Neue Forschungen zum Zusammenhang

Was treibt langfristige Inflationsunsicherheit wirklich an? Neue Forschung zeigt: Nicht kurzfristige Schocks, sondern makrofinanzielle Faktoren wie politische Unsicherheit, Marktvolatilität und Zins-Spreads bestimmen das Bild. Quoniam Researcher Dr. Tamas Barko erklärt im Interview, warum stabile Kommunikation entscheidend ist und welche alten Lehrsätze auf dem Prüfstand stehen.

In Kürze

  • Langfristige Unsicherheit ist am wichtigsten: Wenn sich Inflationsunsicherheit an reale Bedingungen anpasst, verlieren kurzfristige Ausschläge an Bedeutung.

  • Makrofinanzielle Faktoren als Treiber: Politische Unsicherheit, Zins-Spreads und Marktvolatilität prägen die langfristige Inflationsunsicherheit.

  • Stabile Kommunikation ist entscheidend: Transparente und abgestimmte politische Maßnahmen helfen, langfristige Erwartungen zu verankern und Inflationsrisiken zu reduzieren.

Dr. Tamas Barko aus Quoniams Research-Team hat gemeinsam mit Chaoyi Chen (Ungarische Nationalbank) und Olivér Nagy (Eötvös-Loránd-Universität) ein Paper mit dem Titel „Inflation and Inflation Uncertainty: Evidence from GARCH-MIDAS-in-Mean Modelling” verfasst, das in der Fachzeitschrift Financial and Economic Review veröffentlicht wurde. Das Paper wirft einen neuen Blick darauf, wie sich Inflation und Unsicherheit gegenseitig beeinflussen. Dabei wird ein neues Modell vorgestellt, das kurzfristige Schocks von langfristigen Faktoren wie Marktvolatilität, Zins-Spreads und politischer Unsicherheit trennt.

Kannst du uns einen kurzen Überblick über deine Arbeit geben?

Gerne! Wir wollten verstehen, wie Inflation mit der sie umgebenden Unsicherheit interagiert und ob sich diese Beziehung im Laufe der Zeit verändert. Frühere Studien gingen davon aus, dass der langfristige Teil der Unsicherheit konstant bleibt, aber so funktioniert die Welt nicht. Unser Modell ermöglicht es, dass sie sich mit den realen wirtschaftlichen und finanziellen Bedingungen verändert. Als wir dies anhand von Daten aus Großbritannien von 1972 bis 2023 getestet haben, haben wir festgestellt, dass die langfristige Unsicherheit stark von makrofinanziellen Faktoren wie politischer Unsicherheit und Marktvolatilität geprägt ist.

Interessanterweise scheint der umgekehrte Effekt – dass die Inflation mehr Unsicherheit schafft – schwächer zu sein als bisher angenommen, wenn man dies aus der Perspektive betrachtet, dass die Inflationsunsicherheit tendenziell zu einer höheren Inflation führt.

Sobald man zulässt, dass sich die langfristige Unsicherheit mit realen wirtschaftlichen Bedingungen bewegt, verschwindet der klassische Zusammenhang zwischen Inflation und Unsicherheit fast vollständig.

Dr. Tamas Barko, Quoniam Asset Management

Was hat dich während der Forschung überrascht?

Erstens haben wir festgestellt, dass die berühmte These „Inflation schafft Unsicherheit” nicht mehr gilt, wenn man die langfristige Unsicherheit mit den Markt- und politischen Bedingungen variieren lässt. Es ist, als würde man Schichten abtragen – einige Effekte verschwinden, wenn man das System realistischer modelliert.

Außerdem verändern große Ereignisse wie die Senkung der Mehrwertsteuer während der Finanzkrise oder Covid-19 das Bild erheblich. Das zeigt, wie schnell strukturelle Brüche und politische Reaktionen die Dynamik von Inflation und Unsicherheit verändern können.

Welche Schlussfolgerungen ergeben sich daraus für die Wirtschaftspolitik?

Unsere Ergebnisse unterstreichen, wie wichtig es ist, die langfristige Unsicherheit zu stabilisieren. Das gelingt durch klare Kommunikation, vorhersehbare politische Regeln und eine enge Abstimmung zwischen den Finanz- und Währungsbehörden. Wenn der langfristige Teil gut verankert ist, verlieren kurzfristige Inflationsausschläge an Brisanz. Wir schlagen sogar vor, ein Echtzeit-Dashboard mit makrofinanziellen Indikatoren zu entwickeln – ein Instrument, mit dem politische Entscheidungsträger Unsicherheit besser beobachten und steuern könnten.

Und zum Schluss: Mit welchem berühmten Ökonomen hätten Sie gerne darüber diskutiert?

Wahrscheinlich mit Milton Friedman. Seine Ansicht, dass Inflation Unsicherheit erzeugt, war zu seiner Zeit bahnbrechend. Es wäre spannend zu sehen, wie er auf moderne Daten und Modelle reagieren würde – ich bin sicher, er hätte einige lebhafte Gegenargumente parat!

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