Marktkommentar Aktien: Zwischen Risikobereitschaft, Technologieführung und Faktorrotation

Im zweiten Quartal 2026 zeigten sich die Aktienmärkte risikofreudig, technologisch geprägt und von deutlicher Faktorrotation bestimmt. Mark Frielinghaus, CFA, Principal Investment Strategist Equities analysiert, welche Renditetreiber hinter der starken Erholung standen – und was institutionelle Investoren für die Portfolioausrichtung in der zweiten Jahreshälfte daraus ableiten können.

Mark Frielinghaus, CFA

Mark Frielinghaus, CFA
Principal Investment Strategist Equities

In Kürze

  • Aktienmärkte erholen sich deutlich: Emerging Markets, MSCI World und Europa legten im zweiten Quartal 2026 kräftig zu.

  • Technologie bleibt zentraler Renditetreiber: Halbleiter und Technologie-Hardware profitierten weiter vom KI- und Investitionszyklus.

  • Momentum und Value führen: Das risikofreudige Marktumfeld begünstigte Momentum und Enhanced Value, während Minimum Volatility zurückblieb.

Das zweite Quartal 2026 war an den internationalen Aktienmärkten von einer ausgeprägten Erholung nach einem volatilen Jahresstart geprägt. Dabei handelte es sich jedoch nicht um eine defensive Stabilisierung, sondern um ein Umfeld erhöhter Risikobereitschaft. Die stärkste Dynamik lag in den Emerging Markets, die in Euro um 25 % zulegten. Auch der MSCI World verzeichnete mit 14,6 % eine deutliche Rendite, während Europa mit 11,8 % ebenfalls stark, aber etwas moderater abschloss.

Auffällig ist die zeitliche Struktur dieser Entwicklung. Ein wesentlicher Teil der Performance wurde bereits in der ersten Quartalshälfte bis Mitte Mai erzielt. Danach setzte sich der Aufwärtstrend mit geringerer Dynamik fort. Dies deutet darauf hin, dass die Marktteilnehmer früh im Quartal eine deutliche Neubewertung vornahmen, während die zweite Quartalshälfte eher von einer Konsolidierung auf höherem Niveau geprägt war.

Marktstruktur: Technologie und zyklische Breite

Auf Branchenebene war die Marktführerschaft klar technologisch geprägt. Besonders stark entwickelten sich Halbleiter mit +55,9 % sowie Technologie-Hardware mit +29,8 %. Diese Größenordnung zeigt, dass der KI- und Infrastrukturzyklus weiterhin ein zentraler Renditetreiber bleibt. Allerdings ist die Entwicklung weniger als breit angelegte Technologie-Rally zu verstehen, sondern eher als Konzentration auf jene Segmente, die unmittelbar vom Aufbau digitaler Infrastruktur, Rechenkapazitäten und KI-bezogener Investitionsausgaben profitieren.

Gleichzeitig war die Marktbewegung nicht ausschließlich auf Technologie beschränkt. Banken erzielten mit +18,5 % ebenfalls eine deutliche Outperformance. Auch Kapitalgüter, Medien, zyklischer Konsum und ausgewählte Konsumdienstleistungen entwickelten sich positiv. Dieses Muster spricht für ein Umfeld, in dem zyklische und wachstumsorientierte Marktsegmente gleichzeitig getragen wurden.

Schwächer entwickelten sich dagegen Energie, Telekommunikationsdienstleistungen und Teile des Immobiliensektors. Energie verlor 12,7 %, während der Immobiliensektor um 7 % nachgab. Die relative Schwäche defensiver oder zinssensitiver Bereiche passt zum Gesamtbild: Im zweiten Quartal honorierte der Markt honorierte weniger Stabilität und laufende Erträge, sondern stärker Wachstum, operative Hebel und zyklische Erholung.

Faktorrotation: Momentum und Value statt Defensive

Diese Interpretation wird durch die Style-Indizes bestätigt. Im MSCI World lagen Momentum mit einer relativen Rendite von +20,6 % und Enhanced Value mit +16,3 % klar vorn. Auch Growth erzielte mit +5,2 % eine positive relative Rendite, blieb aber deutlich hinter Momentum und Value zurück. Dies ist bemerkenswert, da es nicht nur eine Fortsetzung des Growth-Trends signalisiert, sondern auch eine breitere Rotation innerhalb der Renditetreiber aufweist.

In den Emerging Markets war das Bild noch ausgeprägter. Momentum erzielte relativ zum MSCI Emerging Markets eine Rendite von +41 %, Enhanced Value von +23 %. Growth lag nur leicht im Plus, während Small Cap, Quality und Minimum Volatility zurückblieben. Diese Kombination deutet auf ein Marktumfeld hin, in dem Investoren nicht primär Qualität oder Stabilität suchten, sondern stark auf bestehende Preistrends und bewertungsbezogene Aufholpotenziale reagierten.

Europa zeigte ein differenzierteres Bild. Growth lag relativ zum MSCI Europe leicht vorne, während Minimum Volatility, Small Cap und Div Multi-Factor zurückblieben. Die europäische Marktstruktur war damit weniger eindeutig von den Faktoren Momentum und Value geprägt als der globale Markt oder die Emerging Markets. Dennoch bleibt auch hier sichtbar, dass defensive Faktorprofile im Quartal keinen Rückenwind hatten.

Diese Konstellation ist für quantitative Aktienstrategien wichtig. Sie zeigt eine hohe Streuung zwischen Faktoren, Regionen und Branchen. Solche Phasen können für Multi-Faktor-Ansätze grundsätzlich attraktiv sein, sofern die Modelle nicht einseitig auf einen Stil ausgerichtet sind. Gleichzeitig erfordern sie Disziplin: Eine kurzfristig starke Momentum-Phase sollte nicht automatisch als dauerhaftes Regime interpretiert werden – insbesondere, wenn sie stark mit technologischer Konzentration verbunden ist.

Was institutionelle Investoren daraus ableiten können

Aus Sicht institutioneller Investoren steht weniger die absolute Höhe der Quartalsrenditen im Vordergrund als vielmehr die Frage, welche Marktstruktur hinter diesen Renditen steht. Das zweite Quartal zeigt drei relevante Punkte.

Erstens hat sich die Marktbreite verbessert, wobei die hohe Konzentration der großen Technologiewerte weiterhin besteht. Die positive Entwicklung mehrerer Regionen und zyklischer Branchen spricht für breitere Risikobereitschaft. Gleichzeitig bleibt die Dominanz von Halbleitern und Technologie-Hardware ein Hinweis darauf, dass ein wesentlicher Teil der Performance weiterhin von eng definierten strukturellen Wachstumsthemen abhängt.

Zweitens war das Quartal für defensive Faktorprofile schwierig. Minimum Volatility blieb in Europa, in den globalen Industrieländern und in den Emerging Markets relativ zurück. Dies ist in einem starken Aufwärtsmarkt nicht ungewöhnlich, unterstreicht jedoch, dass defensive Strategien in solchen Phasen vor allem als Diversifikation und nicht als kurzfristiger Performance-Treiber zu verstehen sind.

Drittens verdient die gleichzeitige Stärke von Momentum und Value Aufmerksamkeit. Diese Kombination ist nicht selbstverständlich. Sie kann entstehen, wenn sich Markttrends in zuvor unterbewerteten oder zyklischen Segmenten beschleunigen. Für systematische Investoren ist dies ein Umfeld, in dem Bewertungsdisziplin und Trendinformationen gleichzeitig relevant sein können. Die Herausforderung besteht darin, zwischen fundamental gestützter Neubewertung und kurzfristiger Übertreibung zu unterscheiden. Bei Quoniam berücksichtigen wir hierfür zunächst eine Risikoanpassung in den Preis-Momentum-Faktoren unseres Modells. Im Falle einer Stilverschiebung schneiden weniger volatile Aktien mit einem hohen Momentum-Score tendenziell besser ab als andere Aktien mit hohem Momentum. Darüber hinaus nutzen wir unsere firmeneigenen Sentiment-Scores ebenfalls als Risikofaktoren in unserem Risikomodell und reduzieren so das Exposure in diesen sensiblen Bereichen.

Ausblick: Fortsetzung möglich, aber selektiver

Für den weiteren Jahresverlauf lässt sich aus den vorliegenden Daten keine einfache Fortschreibung ableiten. Die Stärke des zweiten Quartals spricht jedoch für eine robuste Risikobereitschaft und für anhaltendes Interesse an KI-, Technologie- und zyklischen Segmenten. Gleichzeitig erhöht die starke Performance einzelner Branchen und Faktoren die Anfälligkeit für Gegenbewegungen, falls Gewinnerwartungen, Kapitalmarktzinsen oder geopolitische Risiken neu bewertet werden.

Die Fortsetzungsthese erscheint daher plausibel, aber nicht uneingeschränkt stark. Sie wäre besser unterstützt, wenn die Marktbreite weiter zunehmen würde und die Erholung nicht ausschließlich von Halbleitern, Hardware und Momentum getragen wird. Umgekehrt würde eine erneute Verengung der Marktführerschaft das Risiko erhöhen, dass die positive Indexentwicklung stärker auf Konzentration als auf fundamentaler Breite beruht.

In einem solchen Umfeld bleibt für Quoniam ein disziplinierter Multi-Faktor-Ansatz zentral. Bewertungs-, Qualitäts-, Momentum- und Risikosignale sollten dabei nicht isoliert, sondern im Zusammenspiel betrachtet werden. Gerade bei starken Marktsteigerungen, wird die Unterscheidung zwischen tragfähigen Renditetreibern und kurzfristiger Marktdynamik wichtiger. Dies gilt insbesondere dort, wo hohe Erwartungen bereits in den Kursen enthalten sind.

Fazit

Wir blicken auf ein starkes zweites Aktienquartal 2026 zurück. Die Renditen wurden von Risikobereitschaft, technologischer Marktführerschaft und einer ausgeprägten Faktorrotation getragen. Im Zentrum der Bewegung standen Emerging Markets, Halbleiter, Technologie-Hardware, Momentum und Value. Minimum Volatility und andere qualitätsorientierte, defensive Profile blieben dagegen zurück.

Für Investoren liegt die wesentliche Erkenntnis nicht allein in der positiven Marktperformance, sondern in ihrer Zusammensetzung. Das Umfeld belohnt derzeit Selektivität, Trendstärke und zyklische Partizipation. Gleichzeitig bleibt die Frage offen, ob sich daraus ein breiteres, nachhaltigeres Marktregime entwickelt oder die Führung weiterhin von wenigen starken Themen dominiert wird. Genau diese Unterscheidung wird für die Portfolioausrichtung in der zweiten Jahreshälfte entscheidend sein.


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