Unternehmensanleihen 2026: Renditen, Risiken und realistische Szenarien
Das Jahr 2025 war durch steigende Zinsen und fallende Credit-Spreads charakterisiert. Was ist auf dem aktuellen Spread- und Rendite-Niveau für 2026 als Ertrag aus Unternehmensanleihen zu erwarten?
Dr. Harald Henke
Principal Investment Strategist Fixed Income
In Kürze
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Solide Ausgangsbasis: Unternehmensanleihen starten 2026 mit laufenden Renditen um 3 % und zusätzlichen Rolldown-Erträgen.
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Attraktive Gesamtrenditen: Trotz niedriger Spreads liegen die Renditen historisch im Durchschnitt oder darüber.
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Ertragspuffer vorhanden: Laufende Rendite und Rolldown federn -moderate Renditeanstiege ab.
Aktuelle Ausgangslage: Rendite, Rolldown und Marktdynamik
Zum Jahresstart 2026 rentieren Unternehmensanleihen mit etwas mehr als 3 %. Die laufende Rendite des ICE US Corporate Master-Index betrug (nach Währungshedge in Euro) 3,04 %, während der gleiche Index für Euro-denominierte Investment Grade (IG)-Unternehmensanleihen bei 3,2 % lag. Der tatsächliche Return für 2026 bestimmt sich aber durch die Summe aus dieser laufenden Rendite, den Rolldown-Erträgen und den zusätzlichen Erträgen aus der Veränderung von Zinsen und Spreads. Im Folgenden wollen wir diese Komponenten beleuchten.
Rolldown als Renditetreiber: Wenn Zeit zum Ertrag wird
Die Restlaufzeit von Anleihen reduziert sich im Zeitablauf. Ein Bond, der heute eine Fälligkeit in drei Jahren hat, ist in einem Jahr ein zweijähriger Bond. Wenn die Zinskurve einen steigenden Verlauf hat, d.h. wenn länger laufende Anleihen desselben Emittenten höhere Renditen haben als kürzere, führt eine Verkürzung der Restlaufzeit zu einem Rückgang der Rendite (unter sonst gleichen Umständen). Dies geht mit einem Anstieg des Anleihepreises und damit einem Ertrag, dem sogenannten Rolldown-Ertrag, einher.
Dieser Rolldown-Ertrag ist umso höher, je steiler die Renditekurven sind. Liegt eine vollständig flache Kurve vor, ist der Rolldown-Ertrag null. Bei einer inversen Kurve, wo die Rendite mit steigender Laufzeit sinkt, ist der Rolldown-Ertrag negativ (sogenannter „Roll-Up“).
Abbildung 1 zeigt die Steilheit der deutschen und US-amerikanischen Zinskurve, gemessen durch die Differenz aus zehn- und zweijährigen Renditen im Zeitablauf.
Abbildung 1: Steilheit der Zinskurven im Zeitablauf
Aus Abbildung 1 wird deutlich, dass die Zinskurven sowohl in Europa als auch den USA nach einer mehrjährigen inversen Struktur inzwischen wieder eine gewisse Steilheit aufweisen. In beiden Währungsräumen liegt die Differenz zwischen zehn- und zweijährigen Renditen bei 70 bis 80 Basispunkten. Für Europa ist das der höchste Stand seit Ende 2018, während die USA, abgesehen von einer kurzen Phase Ende 2020 / Anfang 2021 zuletzt Anfang 2017 eine solche Steilheit gesehen haben.
Weil neben der Zinskurve auch die durchschnittliche Spreadkurve von Unternehmensanleihe-Emittenten ansteigend ist, ergibt sich der erwartete Rolldown-Ertrag aus der Summe des Zins- und des Spread-Rolldowns. Abbildung 2 illustriert den daraus zu erwarteten Ertrag für ein Jahr.
Abbildung 2: Rolldown-Ertrag pro Laufzeit
Wie aus Abbildung 2 ersichtlich, sind die Steilheit der Kurven und die daraus resultierenden Rolldown-Erträge am höchsten im Laufzeitenbereich zwischen sieben und zehn Jahren. In diesem Segment sind sowohl in Euro als auch in USD IG Credit mehr als 70 Basispunkte Zusatzertrag pro Jahr zu erwarten. Sowohl bei kürzeren als auch längeren Laufzeiten fällt der Rolldown-Ertrag ab, liegt aber über die gesamte Kurve im positiven Bereich. Dabei sind die Werte für Euro IG konsistent höher als für USD IG. Im Schnitt ist über das gesamte Universum ein Rolldown-Ertrag von ca. 50 Basispunkten zu erwarten.
Enge Spreads – aber attraktive Gesamtrenditen
Ein manchmal geäußerter Vorbehalt gegen Unternehmensanleihen im aktuellen Markt ist das historisch niedrige Spread-Niveau, wie Abbildung 3 zeigt:
Abbildung 3: Monatliche Spread-Niveaus in historischer Perspektive
Links: Euro IG Credit und rechts: USD IG Credit
In Euro IG liegen die Spreads historisch auf dem 20%-Perzentil, d.h., in 20 % aller Monatsultimos war das Spread-Niveau niedriger als heute, in 80 % der Fälle höher. Für USD IG liegen die Spreads auf dem viertniedrigsten Monatswert seit dem Jahr 2000. Wir haben an anderer Stelle diskutiert, dass dieses Niveau nicht unbedingt nahelegt, dass Credit-Spreads unattraktiv sind.
Noch relevanter als das Spread-Niveau ist für Investoren aber die Gesamtrendite von Unternehmensanleihen, die sich aus der Basisverzinsung und dem Credit-Spread zusammensetzt. Hier zeigt der Vergleich historisch mittlere Werte.
Abbildung 4: Renditen von Unternehmensanleihen in historischer Perspektive
Links: Euro IG Credit und rechts: USD IG Credit
Die Euro Credit-Rendite von 3,23 % zum 31.12.2025 ist historisch auf dem 46%-Perzentil, während der (ungehedgte) US-Dollar-Wert von 4,81 % auf dem 59%-Perzentil und damit über seinem historischen Durchschnitt liegt. Aus Renditesicht sind Unternehmensanleihen historisch attraktiv.
Wenn Spreads steigen und Zinsen fallen: Der Gesamteffekt zählt
Trotzdem bleibt die Frage, ob Spreads vom aktuellen Niveau nicht eine höhere Wahrscheinlichkeit für Anstiege haben und daher negative Spread-Returns wahrscheinlich sind. Dies mag mittelfristig der Fall sein. Aus Investorensicht aber ist der Gesamteffekt aus Zins- und Spread-Änderungsrendite relevant. Für den Fall, dass die Veränderung von Zinsen und Spreads negativ miteinander korreliert sind, muss ein Anstieg der Credit-Spreads nicht negativ für die Performance sein, wenn die Zinsen in gleichem oder sogar höherem Umfang fallen.
Abbildung 5 zeigt die Korrelation zwischen Zinsen und Spreads für Euro-denominierte IG-Unternehmensanleihen aufgeteilt in die Niedrigzinsphase (definiert als Monate mit einer deutschen Zehnjahresrendite unter 1 %) und „normale“ Zinsphasen.
Abbildung 5: Korrelation zwischen Zehnjahreszinsen und Credit-Spreads in Europa
Die Grafik zeigt deutlich die negative Korrelation zwischen Spreads und Zinsen in Phasen mittlerer und hoher Zinsniveaus, in denen wir uns auch aktuell befinden. Konjunkturelle Hochphasen gehen zumeist mit niedrigen Spreads und hohen Zinsen einher, während Wachstumsschwächen in der Regel zu steigenden Spreads und fallenden Zinsen führen.
Lediglich in der Niedrigzinsphase war die Korrelation zwischen Spreads und Zinsen positiv. Hier hatten die Bondkäufe der EZB, die sich auf Unternehmens- und Staatsanleihen gleichermaßen bezogen, zur Folge, dass beide Anlageklassen eher im Gleichlauf liefen. Aktuell ist die Wahrscheinlichkeit also groß, dass steigende Spreads, zum Beispiel in einer konjunkturellen Schwächephase oder einer Krise, mit fallenden Zinsen einhergehen.
Szenarioanalyse: Was ist also für Unternehmensanleihen 2026 zu erwarten?
Gegeben eine laufende Rendite von etwas über 3 % für Euro-Investoren und einen Rolldown-Ertrag von ca. 0,5 %, lassen sich die Erträge in Abhängigkeit von der Renditeveränderung einfach berechnen, wie Abbildung 6 zeigt:
Abbildung 6: Ertragsszenarien für IG-Unternehmensanleihen
USD IG-Unternehmensanleihen haben im Schnitt eine höhere Duration als Euro IG-Anleihen, daher ist deren Hebel nach oben und unten im Falle von Renditeveränderungen größer. Unabhängig davon zeigt sich, dass die aktuellen Renditen und erwarteten Rolldown-Erträge eine gewisse Abfederung im Falle von Renditeanstiegen bieten. So wären die Erträge mit 1,5 % für Euro IG und 0,2 % für USD IG noch positiv, wenn Renditen in beiden Anlageklassen zum Ende der einjährigen Berechnungsperiode um 50 Basispunkte steigen würden.
Umgekehrt würden deutliche Renditerückgänge, vermutlich getrieben durch Zinsrückgänge, zu sehr attraktiven Erträgen führen. Ein Renditerückgang um einen Prozentpunkt zum Ende des einjährigen Berechnungszeitraums würde sich in Jahresrenditen von 8,2 % für Euro IG und 10,1 % für USD IG übersetzen.
Fazit
Während die tatsächlich realisierten Renditeänderungen für 2026 ungewiss sind und stark von den zunehmend als erratisch wahrgenommenen politischen Entwicklungen in der Welt abhängen werden, lässt sich sagen, dass Investoren aufgrund der laufenden Rendite und steileren Renditekurve eine attraktive Basisverzinsung zwischen 3,5 % und 3,7 % in Unternehmensanleihen vorfinden. Diese ergänzt sich durch den Ertrag aus der Veränderung dieser Rendite im Jahresverlauf. Hier bieten die aktuellen Renditeniveaus einen Puffer, der selbst Renditesteigerungen von 50 Basispunkten erlaubt, ohne dass Erträge in den negativen Bereich abrutschen. Unternehmensanleihen bleiben daher ein elementarer Baustein in der Asset-Allokation.